Über Nena

Nena Schink © Moritz Thau
Nena Schink © Moritz Thau

Nena Schink, geboren 1992, ist Journalistin und Autorin. Aus ihrer Kolumne »Nenas Welt« für Orange by Handelsblatt entstand die Buchidee zu „UNOLLOW – Wie Instagram unser Leben zerstört“, mit dem sie auf Platz 10 der SPIEGEL-Bestsellerliste notierte. Privat setzt sie sich für Female Empowerment ein und moderierte das Format »Deutschlands Businessfrauen«.

Interview mit Nena Schink

NENA SCHINK über ihr Instagram-Ich, schlechte Vorbilder, falsche Ideale und die Rückkehr zum realen Leben.

Für Orange by Handelsblatt hast du ein Experiment gemacht. Du solltest dich als Influencerin ausprobieren. Was wolltet ihr herausfinden?

Wir wollten das System Instagram verstehen. Wie bekomme ich Follower? Wie steigere ich meine Likes? Was muss ich tun, um auf Instagram erfolgreich zu sein? Wie ergattere ich eine Kooperation? Das Ergebnis war erschreckend: Viel Zeit und Nackig sein hilft.

Wie viel Zeit am Tag hast du auf dem Höhepunkt auf Instagram verbracht?

Ich habe mehr als zwei Stunden täglich auf Instagram verbracht. Das sind 14 Stunden wöchentlich. 672 Stunden im Jahr. 28 Tage. Ein Monat jährlich. Hochgerechnet sind das fünf volle Jahre meines Lebens, verschwendet an Instagram. Heute verbringe ich nicht mehr als 20 Minuten am Tag auf Instagram und fühle mich so viel besser.

Nena Schink © Moritz Thau

»Ich habe mehr als zwei Stunden täglich auf Instagram verbracht. Das sind 14 Stunden wöchentlich. 672 Stunden im Jahr. 28 Tage. « NENA SCHINK

Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass dir die Plattform nicht guttut?

Es gab viele Momente, aber ein prägendes Ereignis war definitiv das Zusammenleben mit meiner Schwester im Sommer 2018. Wir teilten uns in München eine Wohnung und ich bat sie, Fotos von mir zu machen. Am Ende fragte ich sie, ob ich auf den Fotos nicht zu dick aussähe. Pia war damals 20 Jahre alt. Danach sendete sie mir oft Bilder von sich und fragte: »Nena, bin ich darauf zu dick, oder kann ich das hochladen?« Zunächst wunderte ich mich über ihre Frage. Denn Pia ist perfekt, bildschön. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich dieses Gefühl in ihr hervorrief. Ich fühlte mich schlecht und begann mich zu fragen: Was für Werte lebe ich meiner kleinen Schwester eigentlich vor? Dass ein hübsches Instagram Profil wichtig ist? Dass Dünn sein alles ist? Was war ich nur für ein schlechtes Vorbild. Nicht nur für meine kleine Schwester, sondern für alle Mädchen die mir folgten. Und für mich selbst.

In welchen Momenten hat Instagram in dein reales Leben reingepfuscht?

Instagram hat mir viele Momente mit meinem Freund versaut. Anstatt gemeinsam den Augenblick zu genießen, musste er mich fotografieren. Danach hatten wir meist Streit, weil ich mich unzulänglich, dick, hässlich fühlte. Nicht nur im Privaten, auch in beruflicher Hinsicht hat mir mein Instagram Profil geschadet. Einmal bekam ich sogar mit, wie dank meiner Bikinibilder auf Instagram über meine Brustgröße fabuliert wurde.

Nena Schink © Moritz Thau

Was genau macht Instagram so gefährlich?

Das Gefährliche an unserem Instagram- Ich ist, dass es unüberlegt private Inhalte teilt. Ohne mitzubekommen, wie der Zuschauer darüber denkt. Vor zehn Jahren wären wir alle miteinander fassungslos gewesen, wenn uns jemand erzählt hätte, welche privaten Dinge wir in Zukunft von uns Preis geben werden. Freiwillig. Öffentlich. Der Reiz von Instagram besteht darin, dass jeder sein Leben so präsentieren kann, wie er es gerne möchte. Doch das ist nicht immer zu unserem Vorteil. Teilweise schadet unser Instagram-Ich uns in der Realität massiv. Wie viele Offline-Begegnungen wir wohl verpassen, weil die Menschen uns dank unseres Instagram-Ichs gar nicht erst kennenlernen wollen? Wie viele Vorurteile wir erst einmal beseitigen müssen? Wie viele Witze hinter unserem Rücken wohl über uns gemacht werden?

Du schreibst, dass es wichtig ist, ein Leben voller realer Momente zu genießen. Inwiefern schwächt Instagram die realen Momente ab?

Fotos zerstören den Moment des Augenblicks. Auch vor dem Instagram-Zeitalter wurden Fotos geschossen, aber das Ausmaß ist heute ein völlig anderes. Die App Instagram hat uns süchtig danach gemacht, Bilder zu machen. Wir haben die Bedeutung von Fotos verlernt. Und fotografieren einfach einmal alles: unser Mittagessen, unsere Socken, das Lebkuchenherz auf dem Oktoberfest, die Wanddekoration, Luftballons, Kaffeebecher, uns selbst. Immer wieder uns selbst. Wir nehmen uns mit jedem Foto die Chance, den nie wiederkehrenden Augenblick zu genießen.

Nena Schink @ Privat

Der Untertitel des Buches ist »Wie Instagram unser Leben zerstört«. Ist das nicht sehr drastisch ausgedrückt? Es handelt sich ja »nur« um eine App?

Instagram ist längst nicht mehr nur eine App. Studien beweisen, dass Instagram süchtiger als Zigaretten und Alkohol macht. Es ist eine nicht zu unterschätzende Droge, die unsere Psyche negativ beeinflusst. Junge Frauen sind dank der perfekt gefilterten Selbstinszenierung der Influencer unzufrieden mit ihrem eigenen Leben und jagen einem falschen Ideal hinterher. Seit 2008 ist die Zahl der Essstörungen bei 12- bis 17-Jährigen um 22 Prozent gestiegen. Wir dürfen nicht länger wegschauen. Der Instagram-Wahnsinn ist nicht in Ordnung.

»Junge Frauen sind dank der perfekt gefilterten Selbstinszenierung der Influencer unzufrieden mit ihrem eigenen Leben und jagen einem falschen Ideal hinterher.« NENA SCHINK

Wie kann man lernen Distanz zu den scheinbar realen Inhalten zu wahren?

Indem man mehr Zeit in der Realität verbringt, sich immer wieder vor Augen führt, dass Instagram eine Scheinwelt ist und seine eigene Instagram- Nutzung konstant hinterfragt.

Gerade junge Menschen, lassen sich von den Bildern auf Instagram schnell beeinflussen. Glaubst du, eine Altersbeschränkung könnte helfen?

Nein, junge Menschen würden Instagram trotz Altersbeschränkung nutzen. Verbote werden das Nutzungsverhalten nicht ändern. Das kann nur eine bessere Aufklärung schaffen und die muss in den Medien, im familiären Umfeld und in den Schulen erfolgen.

Warum meinst du, wollen so viele junge Menschen mittlerweile Influencer werden?

Die Influencer präsentieren auf Instagram Tag ein Tag aus ihren luxuriösen Lifestyle. Sie tragen Luxushandtaschen, bereisen die Welt und residieren in mondänen Hotels. Das alles kostet Geld. Sehr viel Geld. Aber warum sollten junge Menschen ihre Zeit mit Bildung verschwenden, um diesen Wohlstand später im Leben zu erreichen? Viele der Influencer besitzen selbst keinen akademischen Abschluss. Wozu also eine Ausbildung absolvieren, von 500 Euro im Monat leben und sich in den Arbeitspausen Fotos von gleichaltrigen Mädchen an den schönsten Plätzen der Welt anschauen? Kein Wunder, dass der Traumberuf vieler, vor allem junger Mädchen Influencerin ist. Und doch empfinde ich genau das als großen Verlust, als eine Fehlentwicklung unserer Gesellschaft.

Was hältst du selbst von einem Leben als Influencerin?

Ich halte von einem Leben als Influencerin rein gar nichts. Es fehlt vielen Influencern an Empathievermögen. Ihr Leben dreht sich einzig und allein um sie selbst. Das kann auf Dauer nicht glücklich machen. Weder ihre Follower, noch die Influencer selbst. Das glücklichste Mädchen. Das ich kenne, ist meine Kindheitsfreundin Roxy. Sie studiert Psychologie, lebt in einer 5er-WG in Trier, besitzt keine einzige Luxushandtasche, jettet nicht um die Welt und ist nicht auf Instagram aktiv. All das ist nebensächlich, denn sie ist glücklich und erfüllt das Leben von mir, ihrer Familie und ihren Freunden mit Freude. Sie steht für Werte, nicht für Selbstdarstellung. In der heutigen Zeit: eine seltene Tugend. Ihr Glücksrezept: die Realität, wahre Freundschaften und das Vermeiden der sozialen Medien.

»Ich halte von einem Leben als Influencerin rein gar nichts. Es fehlt vielen Influencern an Empathievermögen. Ihr Leben dreht sich einzig und allein um sie selbst. Das kann auf Dauer nicht glücklich machen.« NENA SCHINK

Nena Schink @ Privat

Als Society-Reporterin führst du selbst viele Interviews mit sogenannten Influencern. Was haben Sie gemeinsam?

Viele der Mädchen, die ich traf, waren unsicher, arrogant, herrisch und extrem oberflächlich. Sie waren sehr von sich selbst eingenommen, klebten an ihrem Handy und widmeten ihrem Gegenüber, in dem Fall mir, wenig bis gar keine Aufmerksamkeit.

Wie, denkst du, kann man Kindern und Jugendlichen einen verantwortungsvollen Umgang mit dem sozialen Netzwerk beibringen?

Einzig und allein durch Aufklärung. Dazu zählen Gespräche im familiären Umfeld, ebenso wie kritische Artikel in den Medien. Wir Erwachsenen müssen endlich Verantwortung übernehmen. Natürlich macht es keinen Spaß mit der kleinen Schwester oder Tochter über ihre Zeit auf Instagram zu diskutieren. Aber es ist wichtig, die Instagram-Aktivitäten der Jüngeren zu prüfen und sie regelmäßig auf ihr Fehlverhalten, beispielsweise im Posten von offenherzigen Fotos, hinzuweisen. Auch in den Schulen sollte wesentlich mehr auf Instagram und die daraus resultierenden negativen Auswirkungen auf die Psyche hingewiesen werden.

Hat Instagram auch positive Aspekte?

Ja, durch Instagram ist es möglich sich in Sekundenschnelle mit spannenden Menschen zu vernetzen. Es war noch nie so einfach mit Menschen in Kontakt zu treten. Ich selbst habe via Instagram Menschen kennengelernt, die heute zu meinem Freundeskreis gehören. Deswegen: wenn man Instagram klug nutzt, kann das soziale Medium einen weiterbringen.

Ist es eine Lösung, die App ganz und gar von unseren Handys zu verbannen?

Klar, aber ich glaube nicht, dass es viele Menschen tun werden. Es ist auch nicht notwendig. Wichtig ist, wie bei allen Belangen im Leben, für sich selbst ein gesundes Mittelmaß zu finden. Dafür muss man zunächst sein eigenes Social-Media-Verhalten hinterfragen.

Nena Schink @ Privat

Es gibt auch Bewegungen, die für mehr Realität auf Instagram einstehen. Wie authentisch sind diese Bewegungen, auf einer Plattform, die für ihre Filter und Scheinwelt bekannt ist?

Ich persönlich finde den Account Mädels- abende großartig. Auf dem Instagram-Profil berichten vier junge Journalisten über Krebs, Tod und falsche Idealbilder. Wir brauchen auf Instagram viel mehr solcher Accounts, um die gefilterte Scheinwelt zu durchbrechen.

»Es ist mir gelungen, einen gesunden Mittelweg zu finden. Ich verbringe deutlich weniger Zeit auf der App, fotografiere mich kaum noch und bin knapp 800 Menschen entfolgt. Und ich vermisse nichts.« NENA SCHINK

Hast du deine Instagram-Sucht mittlerweile überwunden?

Ja, es ist mir gelungen einen gesunden Mittelweg zu finden. Ich verbringe deutlich weniger Zeit auf der App, fotografiere mich kaum noch und bin knapp 800 Menschen entfolgt. Und ich vermisse nichts. Rein gar nichts.

Was würdest du der Nena von vor drei Jahren heute raten?

Hör auf, deine Zeit mit Instagram zu verschwenden! Mach deinen Selbstwert nicht abhängig von Likes und Followern. Und vor allem: Hör auf, ein Follower zu sein. Denn die Mädchen, denen du folgst, sind alles, aber keine Vorbilder.

Hast du noch einen Tipp wie wir alle ein bisschen weniger Zeit auf Instagram verbringen können?

Ganz einfach: Timer stellen. Als ich das erste Mal die Funktion »Deine Aktivität« auf Instagram entdeckte, war ich schockiert über meine Zeit. Seitdem habe ich einen Wecker. Meiner ist auf 30 Minuten eingestellt. Sobald ich diese Zeit erreicht habe, schließe ich die App. Da bin ich rigoros. Mein Timer erinnert mich täglich daran wie kostbar meine Lebenszeit in der Realität ist.